Die Brustwandableitungen nach Wilson wurden mit dem Ziel eingeführt, die diagnostische Wertigkeit des EKGs durch eine "unipolare" Ableitung von der Brustwand (und damit einer näheren Platzierung der Elektroden am Herzen) zu verbessern. Abgeleitet wird die Potenzialdifferenz zwischen den explorierenden Brustwandelektroden und der indifferenten Wilson´sche Sammelelektrode, die durch einen Zusammenschluss der Extremitätenableitungen gebildet wird.
Tab.: Brustwandableitungen nach Wilson. Elektodenpositionen und die der jeweiligen Elektrode nahe gelegene Herzregion. Bei der Platzierung der Elektroden ist zu beachten, dass die erste tastbare Rippe (von kranial) die zweite Rippe ist (die erste Rippe liegt unter dem Schlüsselbein). Der Interkostalraum oberhalb der zweiten Rippe ist der 1 Interkostalraum. Bei großen Brüsten sollten die Elektroden V4 bis V6 sollten auf der Brust platziert werden. In diesen Fällen ist das Abzählen der Interkostalräume parasternal am einfachsten.
Ableitung | Elektrodenposition | Herzregion |
Ableitung V1 |
vierter ICR, rechts parasternal (positiv) / Wilson´sche Sammelelektrode (indifferent) | rechter Ventrikel, obere und mittlere Anteile des interventrikulären Septums |
Ableitung V2 |
vierter ICR, links parasternal (positiv) / Wilson´sche Sammelelektrode (indifferent) | rechter Ventrikel, obere und mittlere Anteile des interventrikulären Septums |
Ableitung V3 |
in der Mitte zwischen V2 und V4 / Wilson´sche Sammelelektrode (indifferent) |
vordere Septumabschnitte |
Ableitung V4 |
fünfter ICR, auf der Medioklavikularlinie (positiv) / Wilson´sche Sammelelektrode (indifferent) | spitzennahe Septumabschnitte, apikale Anteile des linken Ventrikels |
Ableitung V5 |
auf der Höhe von V4, vordere Axillarlinie (positiv) / Wilson´sche Sammelelektrode (indifferent) | Lateralwand des linken Ventrikels |
Ableitung V6 |
auf der Höhe von V4, mittlere Axillarlinie (positiv) / Wilson´sche Sammelelektrode (indifferent) | Lateralwand des linken Ventrikels |
V1 und V2 werden auch als vordere (anteriore) Brustwandableitungen, V3 und V4 als mittlere (anteroseptale) Brustwandableitungen und V5 und V6 als seitliche (laterale) Brustwandableitungen bezeichnet. Sie geben Auskunft über die Erregungsausbreitung in der Horizontalebene (Durchschnitt parallel zu Horizont, von rechts nach links). Wilson prägte die Meinung, dass seine Elektrodenanordnung erlaubt, die Aktivierung "unter" den einzelnen Elektroden zu erfassen. Dies ist natürlich streng genommen nicht ganz korrekt (siehe Proximitätseffekt).
Abb.: Platzierung der Brustwandelektroden V1-V6 in Relation zu den 4 Herzhöhlen in der Horizontalebene im MRT-Bild (Ansicht von posterior-anterior und kranial). LA: linker Vorhof, LV: linker Ventrikel, RA: rechter Vorhof, RV: rechter Ventrikel.
Abb.: Projektion der präkordialen Ableitungen in der Horizontalebene. Das Herz befindet sich, vereinfacht angenommen, „annähernd" im zentralen Schnittpunkt der Ableitungen.
Abb.: Seitliche Ansicht des Herzens. Die inferioren (diaphragmalen) Anteile des linken Ventrikels werden von den Brustwandableitungen nicht direkt erfasst. Dies gilt auch für die posteriore linksventrikuläre Wand. V1 - V4 zeigen nur reziproke Veränderungen (z. B. bei einem streng posterioren Infarkt). Direkte Veränderungen im linksposterioren Wandbereich sind durch die linksposterioren Ableitungen (V7 - V9) erfassbar.
Eine Fehlplatzierung von Brustwandelektroden ist im Alltag relativ häufig. Sie ist abzugrenzen von einer Vertauschung der Elektroden (Verpolung).
Werden die Elektroden V1 und/oder V2 nicht - wie vorgeschrieben - im 4. Interkostalraum, sondern höher (im 2. oder 3. Interkostalraum) platziert, ergeben sich folgende Veränderungen:
Klinisch kann dies z. B. bei der Lokalisationsdiagnostik von Extrasystolen (z. B. in Zusammenhang mit einer Katheterablation), von Bedeutung sein. Bei einer Fehlplatzierung sind die R-Amplituden der Extrasystolen reduziert. Hierdurch kann ein rechtsventrikulärer Ursprung der Extrasystole vorgetäuscht werden. Die bei regelrechter Platzierung nachweisbaren R-Zacken verweisen auf einen linksventrikulären Ursprung.
Bei einem Ajmalin-Test (Diagnostik des Brugada-Syndroms) werden V1 und V2 häufig absichtlich im 2. Interkostalraum platziert, da die typischen Veränderungen (ST-Hebung) hier besonders ausgeprägt sind.
Beide Elektroden verhalten sich gegenüber Fehlplatzierungen relativ robust. Wesentliche Veränderungen der Morphologie des EKGs sind, zumindest dann, wenn die Fehlplatzierung weniger als 5 cm beträgt, nicht zu erwarten.
Die Brustwandableitungen nach Goldberger spielen u.a. eine wichtige Rolle
Literatur
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